Der Reithelm
Nachdenkliches und Wissenswertes
verfasst von Manfred Grebler
Hinweise und Tipps für den Kauf eines Reithelmes
Welchen Reithelm soll man nun kaufen? - Testberichte
Fast alle heute erhältlichen Reithelme entsprechen der europäischen Norm EN1384. Diese Norm schreibt Mindestanforderungen
an Reithelme fest. Zu beachten ist jedoch, dass diese Norm im Laufe der Zeit mehrfach überarbeitet wurde. Aktuell sind
die Fassungen von 1996 bzw. 2002. Reithelme die bis 1996 gebaut wurden entsprechen daher nicht mehr den aktuellen Anforderungen.
(Abgesehen davon, dass so alte Reithelme aus o.g. Gründen sowieso einfach nur entsorgt gehören!)
Es gibt außerdem die amerikanische "ASTM F1163" Norm, welche weitgehend der EN-Norm entspricht.
Darüberhinaus wird in England die "PAS015" Norm verwendet, welche deutllich höhere Anforderungen stellt und eine höhere Sicherheit garantiert.
Immer wieder werden Fragen gestellt nach dem "sichersten" Reithelm. Leider läßt sich die Frage nach der Qualität
(im Sinne von Sicherheit) der zahllosen angebotenen Reithelme nicht eindeutig beantworten.
Solange es keine genormten Prüfverfahren gibt
UND jeder Hersteller die entsprechenden Meßwerte bekanntgibt
(wie es z.B. im Bereich der alpinen Sicherungstechnik üblich ist), bleibt ein Vergleich schwierig bis unmöglich.
Die Testberichte in Zeitschriften helfen da auch nur bedingt weiter. Am meisten Informationen bieten wohl noch die verschiedenen Testberichte
in Cavallo (siehe unten),
da dort die Meßwerte aus dem Labor tatsächlich genannt werden und alle Tests offenbar unter gleichen
Bedingungen stattfanden und somit vergleichbar sind. Allerdings sollte man sich unbedingt die Mühe machen, die einzelnen Meßwerte zu
studieren und zu vergleichen und nicht einfach auf das Endergebnis zu schauen. Der Test der "Stiftung Warentest" ist hingegen viel weniger
aussagefähig, weil dort nur irgendwelche Noten genannt sind, deren Zustandekommen im Dunklen bleibt.
Grundsätzlich fehlen in allen Tests fundierte Versuche in Richtung Haltbarkeit und Verhalten bei unterschiedlichen klimatischen Bedingungen.
Die überall berücksichtigten Kriterien Paßform und Bequemlichkeit sind in meinen Augen dagegen reichlich sinnlos, da dies doch stark von der Kopfform abhängt.
Auch Mehrfach-Sturz-Versuche wurden meines Wissens noch nie durchgeführt. Natürlich gilt die Regel, einen Reithelm nach einem Sturz auszutauschen.
Aber zum einen wird diese nicht immer befolgt und zum anderen: Man kann ja schlecht immer einen Reservehelm im Stall haben... Und gerade
bei Kindern oder auch in Springstunden kommen ja doch öfters mal leichte Stürze vor. Hier jedesmal den Reithelm austauschen wird in der Realität
kaum jemand machen. Daher wäre ein Test der verbleibenden Sicherheit eines Reithelms nach einem Sturz durchaus interessant.
Ein weiteres grunsätzliches Problem bei Testberichten: Gerade die ganzen Reithelme aus Fernost werden immer wieder teils sichtbar
und teils wohl auch unsichtbar leicht verändert ohne deswegen auch die Bezeichnung zu ändern. Man kann also nicht wissen, ob der
aktuell angebotene Reithelm tatsächlich genau dem getesteten Modell entspricht. (Bei europäischen Markenherstellern sollte diese
Gefahr geringer sein solange man auf die genaue Modellbezeichnung achtet.) Hinzu kommen natürlich Produktionsschwankungen,
entsprechende Testreihen (z.B. 5 gleiche Reithelme mit unterschiedlichem Herstellungsdatum vergleichen) wurden meines Wissen ebenfalls noch
nie durchgeführt.
Viel wichtiger als die höchste Sicherheit (die man sowieso im Einzelfall nicht überprüfen kann) erscheint mir,
dass der Reithelm bequem ist und rutschfest sitzt. Und dies hängt entscheidend von der individuellen Kopfform ab, so dass hier keine
allgemein gültigen Empfehlungen zu geben sind.
In einer Hinsicht möchte ich obigen Satz jedoch einschränken: In den letzten Jahren hat die Verbreitung von "Noname"-Helmen
(meist auch China) stark zugenommen. Diese Reithelme bieten teilweise ein attraktives Design bei günstigem Preis. Ich persönlich
würde aber einem solchen China-Produkt (so schick sie auch aussehen mögen) nicht mein Leben anvertrauen wollen. Und derartige Noname-Produkte waren auch die
einzigen Reithelme, die im Test der Stiftung Warentest (07/2005) wegen Nicht-Erfüllung der Norm ein 'mangelhaft' erhielten.
In diesem Zusammenhang vielleicht noch ein Wort zu der EN-Norm für Reithelme und deren Bedeutung:
Man hört mitunter Aussagen wie: "Hauptsache der Helm entspricht der Norm, dann kann er doch nicht schlecht sein."
- Dies ist leider nur bedingt wahr:
- Die Norm stellt nur eine (niedrige) Mindestanforderung da. Gute Reithelme sollten diese deutlich übertreffen.
- Um einen Reithelm als "geprüft nach EN1384" anbieten zu können, genügt es nach meinem Kenntnisstand, wenn der Helm
einmal bei irgendeinem der zugelassenen Prüfinstitute in Europa erfolgreich geprüft wurde. Schwankungen in der
Produktionsqualität werden damit nicht erfasst, ebensowenig natürlich absichtliche kleine Änderungen, welche zwar nicht
zulässig sein dürften aber eben auch nicht zu bemerken sind.
Dass dies nicht nur Theorie ist, das zeigen sämtliche Tests, bei denen eigentlich EN-geprüfte Reithelme eben nicht diese Anforderungen erfüllten.
Ein wenig mehr Aussagekraft besitzt die englische PAS015-Norm. Allerdings werden in der Regel nur Helme englischer Hersteller bzw. Anbieter
nach dieser Norm getestet.
Grobe Einteilung der erhältlichen Reithelme
Die meisten der heute käuflichen Reithelme kann man in ein paar Klassen einteilen.
A. Reithelme in "klassischer Form"
Edel-Variante mit Beriemung aus Leder von Charles Owen
Fotos © M. Grebler
Klassischer Samt-Reithelm
Mit meist schwarzem oder blauem (selten andere Farben) Samtbezug sind sie quasi die "Urform" der Reitkappe.
Auch diese wurden natürlich ständig weiterentwickelt und verbessert.
Diese Reithelme werden durchwegs in festen Größen angeboten, so dass beim Kauf genau auf die richtige Größe geachtet werden muß.
Die preiswerteren Varianten haben durchwegs die übliche 3-Punkt-Beriemung aus Nylon, es gibt aber auch höherpreisige
Modelle (insbesondere in England) mit 4-Punkt-Beriemung aus Leder.
Auf dem Markt sind z.B. Helme von Charles Owen, Gatehouse sowie zahlreiche NoName-Produkte.
Der größte Nachteilig ist die sich vorallem im Sommer bemerkbar machende schlechte (um nicht zu sagen: nicht vorhandene) Belüftung, die stark für den schlechten Ruf von Reithelmen verantwortlich war.
Andererseits haben diese Helme allesamt eine glatte (mitunter auch gut gepolsterte) Helmkante, was Druckstellen an der Stirn eher unwahrscheinlich macht, sofern die Helmform
mit der Schädelform einigermassen übereinstimmt.
Derzeit (im Jahr 2011) ist in Deutschland wieder ein deutlich gesteigertes Interesse an diesen Helmen erkennbar. (Möglicherweise vorallem in Norddeutschland)
Dabei werden vorallem die edleren Varianten bevorzugt., wie sie z.B. von Charles Owen angeboten werden.
B: Reithelme in "Leichtbauweise"
Modell "Ecco" von Casco
Foto © M. Grebler
Dieser den Fahrradhelmen nachempfundene Helmtyp wurde meines Wissens als erstes von der Firma Casco vorgestellt,
welche auch nach wie vor den größten Marktanteil inne hat. Zwischenzeitlich haben natürlich auch viele andere Hersteller
diese Idee aufgegriffen und bieten ebenfalls mehr oder weniger gelungene Konstruktionen dieser Art an.
Die meisten Reithelme gibt es in verschiedenen Farben und Oberflächen.
Diese Helme sind in gewissen Grenzen an den Kopfumfang anpassbar, so dass es nur 2 oder 3 verschiedener Größen pro Modell bedarf.
Für die Verstellung des Kopfumfangs werden unterschiedliche Prinzipien verwendet: Die primitivste Form sind Kletteinlagen unterschiedlicher Dicke,
die meisten Helme haben aber inzwischen eine Art Drehrad, mit dessen Hilfe der Reithelm auch dann verstellt werden kann, wenn er sich bereits auf dem Kopf befindet.
Der ganz klare Vorteile dieser Reithelme ist die Belüftung durch mehr oder weniger große Luftschlitze oder Luftlöcher. Gerade im Sommer macht sich dies
doch sehr angenehm bemerkbar. Die maximale Größe der Schlitze bzw. Löcher ist übrigens durch die DIN-Norm begrenzt, damit sich darin keine dickeren Äste o.ä.
verfangen können. Sinnvollerweise haben einige Reithelme hinter den Luftöffnungen feine Gitter angebracht, so dass keine Insekten bis zum Kopf vordringen können.
Man sollte übrigens darauf achten, dass die eventuell sich am Helmrand befindlichen Kühlrippen keine Druckstellen an der Stirn verursachen. Dies
ist ganz von der persönlichen Kopfform abhängig.
Von gößerer Bedeutung in dieser Kategorie sind vorallem Reithelme der Firmen Casco, Uvex, Horka und Troxel. Darüberhinaus gibt es natürlich eine Menge Noname- und Handelsmarken-Produkte
meist asiatischer Herkunft.
C: "Moderne Helme ohne Größenverstellung"
Ur-Version des GPA-Helmes
Foto © M. Grebler
Dieser Typ von Helme ist in den letzten ca. 10 Jahren modern geworden. Im Gegensatz zu den o.g. Helmen bieten sie keine Größenverstellung, eine oft
nur sehr begrenzte Belüftung. Heute sind Helme dieser Art etwas gleich weit verbreitet wie die Leichtbau-Helme von Casco usw.
Begründet wurde dieser Helmtype hierzulande durch die Firma Pikeur als diese das erste Modell des "GPA" Reithelme auf den Markt brachte. Nicht nur der für damalige Verhältnisse
extrem hohe Preis sondern auch das damals moderne Design und die Verwendung von High-Tech-Material brachten diesem Reithelm eine Sonderrolle ein. Auch wurde ihm eine besonders große Sicherheit nachgesagt, was sich in diversen Testberichten später leider nicht bestätigt hat. Ein paar Jahre später wurde das Angebot durch die Helme "GPA Textium", "GPA Titium" und einiger mehr ergänzt, welche sich
im Material, opitschen Details und im Preis unterscheiden. Diese Reithelme waren aufgrund des Preises gewissermassen auch ein Prestige-Objekt, wurden vorallen von Berufsreitern und
Springreitern getragen. Der Erfolg führte schnell zu deutlich billigeren Kopien diverser Handelsmarken-Herstellern, bei denen jedoch mit Abstrichen bei der Sicherheit gerechnet werden muß!
Letztlich sind diese Helme eine Weiterentwicklung des klassischen Reithelms in Richtung mehr Komfort und modernes Design.
Die gemeinsamen Kennzeichen all dieser Reithelme sind im Wesentlichen:
- Feste Größe wie die klassischen Reithelme
- Kaum oder nur schlechte Belüftung (Ausgenommen GPA Speed-Air und Nachbauten)
- Weiches Nackenpolster mit 4-Punkt-Beriemung
- Beriemung kann nur am Kinn verstellt werden.
- Meist Mittelstreifen (meist metallic mit kleinen Lüftungsöffnungen)
Das derzeit neueste GPA Modell "Speed Air", besitzt zusätzliche Lüftungsgitter und kostet dann deutlich über 400 Euro. (Auch von diesem Design gibt es inzwischen diverse Nachbauten.)
Da wie oben geschrieben die Kopfweite gar nicht und die Beriemung nur sehr begrenzt verstellbar sind, sollte man man Kauf umso sorgfältiger darauf achten, ob der Reithelm gut passt oder nicht.
D. "Military-Helme"
Foto © M. Grebler
Wie der Name schon sagt stammen diese Reithelme ursprünglich aus dem Vielseitigkeitssport.
Sie haben eine glatte Oberfläche (meist ohne jegliche Belüftung) und kein "Schild" welches unter Umständen Verletzungen hervorrufen könnte.
In der Regel werden diese Helme mit einem Satin-Überzug getragen, den es vielen bunten Farben gibt.
Diese Reithelme sind (wie die Typen A. und C.) nur in festen Größen erhältlich und es gibt sie sowohl mit 3-Punkt wie mit 4-Punkt-Beriemung,
welche aus Nylon oder auch Leder sein kann.
Aufgrund der hohen Sicherheitsanforderungen im VS-Sport gelten diese Helme als besonders sicher. Dies gilt aber auch nur dann,
wenn man einen Helm der bekannten VS-Marken (meist aus England: Charles Owen, Gatehouse usw. ) kauft und keine billige "Kaufhaus-Ware" unbekannter Herkunft.
"Kinnschutz" ?
Vor vielen Jahren war diese Kunststoffschale am Kinn ein Sicherheits-Kriterium, fast alle "sicheren" Reitkappen hatten es.
Ob es jemals ernsthaft als "Schutz" für das Kinn betrachtet wurde, sei mal dahingestellt. Jedenfalls wurde damit der
Kinnriemen gut fixiert, was der Kappe insgesamt einen einigermaßen sicheren Sitz verschaffte.
Zwischenzeitlich sind diese Kinnkappen verboten, d.h. normgerechte Reithelm dürfen sie nicht besitzen. Grund waren wohl diverse Verletzungen (vorallem Kieferbrüche), welche dadurch verursacht wurden.
Von diesen "Kinnschalen" aus den 90igern unterscheiden muss man natürlich die mehr oder weniger effektiven Polsterungen am Kinnriemen, welche ein Scheuern vermeiden sollen.
Auch diese Poster werden mitunter als "Kinnschutz" bezeichnet.
Reithelm gebraucht kaufen?
Vom Kauf gebrauchter Reithelme kann ich im Allgemeinen nur abraten:
- Wer sich nicht genau auskennt, kann nicht beurteilen, wie alt ein angebotenes Modell ist und ob es zumindest der aktuellen Norm entspricht
- Man kennt das Vorleben des Helms nicht. Stürze (auch Fallenlassen) können feinste Beschädigungen im Inneren verursacht haben, die man nicht erkennen kann. (Und welcher Verkäufer gibt das schon zu?)
- Reithelme unterliegen einer Alterung, auch wenn sie kaum benutzt werden. Daher ist davon auszugehen, dass ein Reithelm, der bereits 5..10 Jahre alt ist, nicht mehr die volle Schutzwirkung zeigt.
- Aktuelle neuwertige Modelle erzielen bei eBay meist Preise, die in der Gegend des Neupreis bei günstigen Versendern liegen.
Foto © M. Grebler
Reitkappen wie hier rechts abgebildet werden auf eBay immer noch gelegentlich angeboten und auch verkauft
Diese Kappen stammen aus den frühen 90iger Jahren und entsprechen in keinster Weise heutigen Sicherheits-Standards. Vor deren Benutzung beim Reiten kann nur eindringlich gewarnt werden. Die Dicke beträgt bei diesem Modell weniger als 1 cm, bei klassichen Reithelmen nach neuester Norm sind es etwa 2-3 cm! Zu erkennen ist dieses seinerzeit weit verbreitete Standard-Modell an folgenden Kriterien:
- Geprüft nach DIN 33951
- Kinnkappe ("Kinnschutz") - Fehlt aber auch des öfteren
- Verschluß oft (aber nicht immer) per Klettverschluß statt Steck-Verschluß
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Kauf im Versandhandel?
Mitunter wird vom Versandkauf abgeraten, da ein Reithelm ja schließlich passen muß und man daher um eine Anprobe nicht herumkommt. Das ist soweit natürlich richtig.
Allerdings gibt es im Versandhandel grundsätzlich ein 14-tägiges Rückgaberecht, so dass man den Helm (oder die Helme) seiner Wahl zu Hause viel sorgfältiger anprobieren
kann als die in einem Laden möglich wäre. Um festzustellen ob ein Reithelm WIRKLICH passt ist ein mehrstündiges Tragen zu Hause sicher eine gute Möglichkeit.
(Aber bitte vorher Haare waschen für den Fall dass der doch zurückgeschickt wird!!)
Davon abgesehen ist die Auswahl in den örtlichen Reitsportgeschäftn doch oft arg begrenzt. Wer mit den Standard-Modellen nicht
auskommt oder einfach nur ein etwas exotischeres Modell (Farbe) haben möchte, kommt um einen Versandkauf sowieo kaum herum. Reithelme englischer Hersteller
(Charles Owen) kauft man am preisgünstigsten meist direkt in England, allerdings ist in dem Fall das hohe Porto für eine Rücksendung zu beachten...
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Literatur-Hinweise und Links
Testbericht Reithelme:
Testbericht Reithelme:
Cavallo 08/2002 (Testbericht nicht online verfügbar)
Testbericht Reithelme:
Cavallo 10/2006 (Testbericht nicht online verfügbar)
Testbericht Reithelme: