Sicherheitswesten (Sturzwesten) für Reiter
Gedanken und Informationen
verfasst von Manfred Grebler

Informationen zur Auswahl einer Weste

Sicherheitswesten (auch als Schutzwesten, Sturzwesten, Springwesten bekannt) bestehen im Prinzip aus speziellem festen Kunstschaum unterschiedlicher Dicke welcher harte Stöße möglichst gut dämpfen soll. Je dicker das Material umso höher die Schutzwirkung, desto schlechter jedoch auch der Tragekomfort, so daß hier immer ein Kompromiß gefunden werden muß. Daher gibt es drei verschiedene Schutzklassen für diese Westen. Eine ausführliche Beschreibung dieses BETA-Standards in englischer Sprache ist hier zu finden. Im folgenden daher nur eine kurze Zusammenfassung:

BETA 2000 - Level 1: Geringster Schutz, Spezialwesten für Jockeys
BETA 2000 - Level 2: Mäßiger Schutz, Kompromiß zwischen Tragekomfort und Schutzwirkung für weniger riskante Situationen
BETA 2000 - Level 3: Höchste Schutzklasse, die meisten Westen entsprechen diesem Level

Zu beachten ist, daß Sicherheitswesten nach älterem Standard (z.B. BETA 1995) eine geringere Schutzwirkung aufweisen. Solche Schutzwesten werden regelmäßig noch auf dem Gebrauchtmarkt angeboten, dabei sollte man also nicht nur auf die Schutzklasse 1..3 achten, sondern auch auf das Jahr des Standards. Die europäische Norm EN 13158:2000 entspricht praktisch dem BETA 2000 Standard.

Auch wenn ein Großteil der angebotenen Westen den Anforderungen der BETA Class 3 genügt, heißt dies natürlich nicht, daß alle gleich gut schützen. Die Norm schreibt Mindestanforderungen fest, gute Westen gehen deutlich darüber hinaus, während billige Produkte diese wohl gerade soeben erfüllen. (Abgesehen von teils erheblichen Verarbeitungsmängeln bei Billig-Produkten!) Je nach Anforderung muß ein Kompromiß zwischen Sicherheit einerseits und Bequemlichkeit/Gewicht/Preis andererseits gefunden werden. Es wäre natürlich übertrieben einem Kind für die ersten Reitstunden eine der schweren High-End Westen zu verpassen. Auf der anderen Seite wird ein VS-Reiter danach streben, die bestmögliche Schutzwirkung zu bekommen und dafür entsprechend Geld zu bezahlen bereit sein.

Alle mir bekannten Sicherheitswesten haben an den Schultern und seitlich Klettbänder zur Fein-Regulierung von Länge und Weite. Einige Modelle besitzen einen Front-Reißverschluß wie eine normale Weste, was das An- und Ausziehen ganz wesentlich erleichtert. (Andernfalls müssen die seitlichen Klettverschlüsse geöffnet und die Weste über den Kopf gezogen werden.) Allerdings kann dieser Front-Reißverschluß bei billigen Westen eine ganz wesentliche Schwachstelle darstellen, Während die Weite in gewissen, engen Grenzen eingestellt werden kann (was allein schon aufgrund unterschiedlich dicker Kleidung unter der Schutzweste notwenig ist), ist die Rückenlänge fest. Daher sollte beim Kauf ganz besonders auf Letztere geachtet werden: Die Weste sollte so lang wie möglich sein, um ausreichenden Schutz auch am unteren Teil der Wirbelsäule zu bieten und darf andererseits auch nicht zu lang sein, da sie sonst beim Reiten am Sattel hinten aufsteht.

Sicherheitswesten im Versand kaufen?

Mitunter wird vom Versandkauf abgeraten, da die Sicherheitsweste ja schließlich passen muß und man daher um eine Anprobe nicht herumkommt. Das ist soweit natürlich richtig, allerdings gibt es im Versandhandel grundsätzlich ein 14-tägiges Rückgaberecht, und zu Hause hat man letztlich eine bessere Möglichkeit zu testen, ob eine Schutzweste wirklich passt.
Außerdem: Die meisten Reitsportgeschäfte haben ja nur sehr wenige (meist die billigeren) Westen im Angebot. Wer also etwas Besseres will, kommt um den Kauf im Spezial-Versand kaum herum.

Sicherheitswesten gebraucht kaufen?

Im Gegensatz zu Reithelmen sehe ich beim Kauf gebrauchter Sicherheitswesten keine grundsätzlichen Probleme, solange die Weste keine sichtbaren Beschädigungen aufweist, alle Nähte und Klettverschlüsse in Ordnung sind und vorallem ein eventuell vorhandener Reißverschluß einwandfrei funktioniert. Gerade bei einem eBay-Kauf sollte man aber sehr genau darauf achten, welche Weste da nun wirklich angeboten wird. Hinzu kommt natürlich das Größenproblem, eine Rückgabe ist bei Kauf von Privat meist nicht möglich, also sollte man möglichst vorher schon wissen, welche Weste passen dürfte. Ein paar Punkte auf die man achten sollte, um das Risiko einer negativen Überraschung zu verringern:

  • Welche Weste (Herstellerbezeichung) wird exakt angeboten? (Zum Beispiel sind "Jack Ellis", "Jack Ellis Euro" und "Jack Ellis Euro 2000" verschieden alte Modelle!)
  • Nach welchem BETA-Standard ist die Weste geprüft? (Manche Westen gibt es in 2 Dicken mit entsprechend unterschiedlicher Prüfklasse!) In Frage kommt eigentlich nur "BETA 2000 Class II" oder "BETA 2000 Class III" Das entsprechende Prüf-Logo ist eigentlich immer ein- oder aufgenäht.
  • Bei Westen die nur nach EN geprüft sind kann man leider selten die Klasse feststellen.
  • Wichtig ist die originale Größenangabe des Herstellers! Nur damit kann man an Hand der entsprechenden Maßtabelle die Paßform abschätzen. Angaben wie "passt für Größe 38" helfen überhaupt nicht weiter, da die Vorstellungen von "passen" sehr unterschiedlich sind...

Oftmals sind die Angaben bei eBay-Angeboten unvollständig oder gar fehlerhaft. Dies muß nicht immer böse Absicht sein, viele Leute wissen einfach gar nicht was sie da genau verkaufen. Auf Nachfrage sollte man dann aber eine vernünftige Antwort bekommen.

 

Alternativen zur normalen Sicherheitsweste

Auf dem Markt gibt es meinem Kenntnisstand nach zwei Alternativen zur normalen Sicherheitsweste, die ich hier kurz erwähnen möchte:

Rücken-Protektor

In anderen Risiko-Sportarten schon länger bekannt wurde dieser Wirbelsäulen-Schutz von der Firma Tecilla für die Anforderungen des Reitsports angepaßt.
Vorteil ist im Vergleich zu Schutzwesten das geringe Gewicht. Natürlich wird hier wirklich nur die Wirbelsäule geschützt, gegen etwaige Verletzungen am übrigen Oberkörper bietet er keinen Schutz. Letztendlich muß das jeder für sich entscheiden, was wichtiger ist. Allerdings empfinde ich persönlich den Tragekomfort nicht als besonders hoch, da die elastischen Schultergurte unter den Achseln etwas einschneiden. Besonders unangenehm wird es, wenn je nach Längeneinstellung die Schnalle dort zu liegen kommt...

Neben dem "Original" gibt es ähnliche Produkte bei diversen anderen Anbietern. Diese sind zwar billiger weisen aber mitunter erhebliche Nachteile auf, wie z.B. zu wenig veschiedene Längen.


Fotos © M. Grebler

 

"Hit-Air" ("Airbag-Weste")

Eine im Normal-Zustand leichte und bequem zu tragende Spezial-Weste, die sich im Fall eines Falles automatisch wie ein Airbag aufbläst und dabei eine guts Schutzwirkung des gesamten Oberkörpers einschließlich Genick bietet.

Ohne eigene Erfahrung möchte ich folgende potentiellen Vor- und Nachteile erwähnen:
+ leicht, luftig, angenehm zu tragen
+ umfangreicher Schutz auch im Nacken- und Beckenbereich
- Aufblasvorgang mit Geräusch verbunden, wovon eventuell das eigene oder andere Pferde erschrecken könnten.
- Beim Absteigen darf man nicht vergessen, die "Reißleine" zu lösen.
- Möglicherweise keine Schutzwirkung bei Sturz samt Pferd wenn man nicht weit genug vom Sattel wegkommt.
- Wenn man (z.B. in Springstunden) dazu neigt, öfters zu stürzen eher ungeeignet, da man jedes Mal eine neue Patrone einsetzen muß.

Weitere Informationen auf der Seite des Vertriebs:
Hit-Air

Aktuell auch bei Krämer erhältlich.


Foto © M. Grebler

 

 

Literatur-Hinweise und Links

Informationen zu den verschiedenen Sicherheitsstandards (auf Englisch)
Weitere Informationen zu Sicherheitswesten (auf Englisch)

Testbericht Rückenprotektoren: Cavallo 01/2007
Testbericht Sicherheitswesten: Cavallo 02/2007

Webseiten von Herstellern:
Charles Owen  
Jack Ellis  
Airowear
Rodney Powell (K.C. Equestrian)

Fach-Versandhandel für Vielseitigkeits-Reiter (Reithelme und Sicherheitswesten):
WILLIAMS Horse & Wear
Crosscountry-Shop